Noch bevor ich mich richtig ernsthaft mit der Frage beschäftigt habe, ob ich mich für die Meisterklasse Fotografie in Salzburg bewerben und meine Leidenschaft für die Fotografie auf professionelle Beine stellen sollte, habe ich über eine Kleinanzeigenbörse ein kleines Juwel deutscher Kameratechnik erworben: Die Rollei Rolleiflex SL66.

rollei_sl_fl1966 wurde sie als direkter Konkurrent zur Hasselblad 500C vorgestellt und hatte neben vielen Gemeinsamkeiten (unter anderem das 6×6-Mittelformat) zwei Eigenschaften, die sie einzigartig machte: 1) Die SL66 besitzt einen eingebauten Balgen und eine Objektivstandarte, die sich um 8° nach oben und unten schwenken lässt, wodurch sich eine Schärfendehnung nach Scheimpflug erzeugen lässt. 2) Die Objektive lassen sich verkehrt herum an der Standarte befestigen (Retro-Stellung). Damit schafft sie mit dem Normalobjektiv ohne weiteres einen Abbildungsmaßstab von 1:1,5.

Am meisten fasziniert – und schlussendlich auch am meisten weiter gebracht – hat mich an ihr das langsame und bedachte Arbeiten. Wenn ich an der digitalen 100 Fotos geschossen habe, um mich für eines zu entscheiden, habe ich bei der SL66 lieber zweimal überlegt, bevor ich den Auslöser betätigt habe. Weniger wegen dem Geld (ich entwickle meine SW-Filme selber), sondern vielmehr, weil es sich anbietet: der Sucher ist bis auf ein paar Haarlinien und dem Schärfeindikator in der Mitte nackt. Es gibt keine Blende und keine Zeit, die eingeblendet wird, keine Wasserwaage, kein Blinken, rein gar nichts. Volle Konzentration auf die Cadrage. Das satte und markante Geräusch des Spiegels, der beim Auslösen hochklappt, und des Verschlusses, sind der Lohn für das geduldige Warten.

gregor_2012_05_07-003-2Natürlich hat es mich etwas Übung und viel Gelduld gekostet, das Arbeiten mit der voll mechanischen alten Dame zu erlernen. Keine optische Bestätigung, ob Blende und Zeit zusammenpassen (welche ISO hat noch einmal der eingelegte Film und ist der Tmax-400 eigentlich in diesem oder in einem der anderen Filmmagazine?), keine Bestätigung, ob die Schärfe wirklich passt (Handarbeit mit eingebauter Lupe, gute Augen sind von Vorteil) und bis zum fertig entwickelten Film keine Bestätigung, ob alles geklappt hat. Dabei ist die Bedienung denkbar einfach: die Blende wird direkt am Objektiv und die Verschlusszeit am Verschlussrad auf der rechten Seite eingestellt. Der Balgenauszug (und damit die Schärfeebene) wird mit Drehrad auf der linken Seite festgelegt.

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Spannend ist das Warten, bis ich den fertig fixierten Film aus der Filmdose ziehen und aufhängen kann. Oder bis ich den Diafilm vom örtlichen Fotolabor abholen darf. Spannend auch, bis das erste Ergebnis des Scans am Bildschirm erscheint.
Ich glaube, umständlicher und langsamer ist nur noch mit einer komplett mechanischen, analogen Großformatkamera zu arbeiten. Das überlegte und vorausschauende Arbeiten färbt hingegen auch auf den schnellen digitalen Workflow ab. Ich kann es jedem nur empfehlen, es einmal zu versuchen

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